Was einem Redenschreiber wirklich passieren kann! Oder: Gibt es eine Haftpfichtversicherung für Redenschreiber? 

Ich habe sie noch immer nicht gefunden: Die Liste mit den verbotenen Formulierungen.

Kein Wunder, müßte sie doch schon so lang sein, daß man für ihr Studium sehr viel Zeit investieren müßte. Ganze Gedichte sind verboten, wie das eines Dichters deutscher Zunge aus dem 19. Jahrhundert, das der Chef des Absolventenvereins einer österreichischen Universität öffentlich zitiert und darüber seinen Arbeitsplatz verloren hat – weil die Nationalsozialisten Zeilen daraus ritualisiert hatten. 

Arbeitsplatzverlust. Man mag’s nicht fassen. Man kann es auch nicht. Man muß es aber fassen, weil es schlicht so ist. 

Was hat das mit mit mir als Redenschreiber zu tun? 

Mir ist vor zwei Jahren folgendes passiert:

Ein Auftraggeber, dem ich eine Wahlkampfrede für die Bundestagswahl 2017 geschrieben hatte, rief mich an:

„Herr Molnár, Ihretwegen habe ich nun den Staatsanwalt am Hals!“ 

Was war passiert?

Ich hatte eine - wie ich meinte - phantastische Formulierung für den Appell am Ende der Rede gefunden. 

Dieser Satz kam dann bei den Leuten auch dermaßen gut an, daß der Redner ihn gleich als Parole auf seine Wahlplakate gedruckt hat. 

Am Rande sei bemerkt: Die Wähler haben ihn dann auch als Direktmandatar in den Bundestag entsandt. Ich hätte diese Rede also doch lieber auf Basis Erfolgsprovision schreiben sollen als auf Basis Aufwand. Aber zurück zum Thema:

Was war das Problem des Staatsanwaltes?

Irgendeine Nazi-Organisation hat ausgerechnet diesen meinen grandiosen Appellsatz, den ich glaubte, erfunden zu haben, als ihr Motto verwendet! 

Und das wußte mein (deutscher!) Redner nicht. Das wußten auch seine (deutschen!) Mitarbeiter nicht und die (deutschen!) Leute, die ihm applaudierten, wußten das auch nicht. Ich als ungarischer Österreicher (obwohl mit einem Anteil jüdischen Blutes in meinen Adern) wußte das erst recht nicht. 

Jetzt ist es aber so: Weil die Naziverbrecher diesen Satz als gut befunden haben, dürfen wir ihn heute weder für gut halten, geschweige denn aussprechen oder ihn gar auf Plakate drucken! 

Und deshalb verrate ich Ihnen heute diesen besagten Satz lieber auch nicht. 

Da es eine Haftpflichtversicherung für solche Betriebsunfälle eines Redenschreibers nicht gibt, mache ich es seither in diffizilen Situationen so:

Wenn es nur irgendwie politisch relevant sein könnte, google ich einen ausgezeichneten Text, den ich kreiert habe! Sicher ist sicher. Haften tue am Ende ich. Die Haftpflichtversicherung für meinereinen gibt es nicht. 

Wer würde in einem Land mit Glaubens-, Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit auch an so etwas denken? 

Mein Glück ist, daß mein Auftraggeber damals auch Glück hatte. Die Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft dann doch eingestellt. Nix is‘ g’scheh‘n, wie der Wiener sagt.


Daß nicht nur mir solche Dinge passieren, sondern berühmteren und wichtigeren Leuten, habe ich heute im Internet gelesen. Es hat mich sehr gefreut ( © Kaiser Franz Josef ).

Niemand geringerem als der berühmten Frankfurter Rundschau ist so etwas Ähnliches geschehen wie mir vor zwei Jahren. 

Nach dem Wahlsieg Benjamin Netanjahus am 9. April 2019 hat sie unwissentlich etwas Verbotenes geschrieben, noch dazu in der Schlagzeile. 

Das dürfte die Redaktion bald erfahren haben, denn das Wächteramt funktioniert! Und flugs, hat sich die Frankfurter Rundschau exkulpiert, mit Wort und Tat.

Die Entschuldigungsformel, die die contritio cordis (lat., die Zerknirschung des Herzens) des Chefredakteurs glaubhaft machen will, speichere ich an sicherem Ort.
Dateiname: formula_contritionis_cordis.

Da ich keine Haftpflichtversicherung für meine Redemanufaktur habe, wird mir wohl bei einem neuen Betriebsunfall diese Formel große Dienste tun und nix wird g’scheh‘n 

Hier nun diese Geschichte um den Wahlsieg Netanjahus in der Frankfurter Rundschau (Quelle):

Rein faktisch gewann er bei der Wahl eine fünfte Amtszeit, was in Ländern mit parlamentarischer Demokratie selten vorkommt. Die Nahostreferenten deutscher Qualitätsmedien vermag er damit nicht zu täuschen. 

Neben Donald Trump und Viktor Orbán gehört Benjamin Netanjahu, siehe oben, zu den Figuren, über die 90 Prozent der deutschen Presseorgane – mit Ausnahme von Welt und BILD – noch nicht einmal der Form halber einen milden oder auch nur neutralen Halbsatz verlieren. 

Davon würden sie auch nicht abweichen, wenn Angela Merkel dem Israeli zum Wahlsieg gratuliert hätte, was sie - keine Bange - im Gegensatz zu Donald Trump und Sebastian Kurz unterließ.

„Der ewige Netanjahu“ titelte die Frankfurter Rundschau.

Um später die Überschrift zu ändern und folgende zerknirschte Erklärung abzugeben:

‚Wir wollten auf die Dauer der Amtszeit des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu hinweisen – und haben dabei nicht bedacht, dass die Nationalsozialisten 1940 mit dem antisemitischen Propaganda-Film ‚Der ewige Jude’ gegen Juden gehetzt haben. 

Nun die formula contritionis cordis:

Diese Geschichtsvergessenheit bitten wir zu entschuldigen.
Wir ringen täglich um die richtige Wortwahl, nicht nur bei Schlagzeilen und Überschriften. Das gelingt uns oft, aber leider nicht immer. 
Wenn uns dann trotz aller Vorsätze und Kontrollen mal doch etwas Derartiges durchrutscht, bedauert das niemand so sehr wie wir selbst. Die Chefredaktion.‘

Ist das nicht eine schöne contritio? Zitat: Wenn uns […] durchrutscht […] bedauert das niemand so sehr wie wir selbst.


Achtung Musiker!

Was für die Rede gilt, gilt bei uns selbstverständlich auch für die Musik! Wobei die Freiheit der Musik im Unterschied zur Redefreiheit keineswegs verbrieft ist, nicht einmal am Papier, zumindest nicht expressis verbis.  

Les Préludes. Man hat ein Motiv aus dem imposanten Werk von Ferenc Liszt (1811 – 1886) im Jahre 2016 in einem Imagefilm des Landes Tirol verwendet und den Bürgermeistern des Landes Tirol bei deren feierlichen Angelobung in der Innsbrucker Hofburg gezeigt. 

Daß damit Ungeheuerliches passiert ist, ist dort keinem einzigen der 278 Bürgermeister und nicht einmal dem Herrn Landeshauptmann Platter aufgefallen. 

Was für ein Glück aber, daß das Wächteramt funktioniert. Sofort und unverzüglich hat es darauf hingewiesen, daß der Film sofort und unverzüglich einzustampfen ist, zumal die besagte Musik die Nationalsozialisten als ihre Siegesfanfare geliebt hatten. 

Keine Frage: Der Film muß weg. Es ist zwar nix g’scheh’n, aber es soll auch in Zukunft nix g’scheh’n

Bleibt die Frage: Gibt es eine Haftpflichtversicherung für Protokollchefs der Regierung des Heiligen Landes Tirol? 

Hören aber dürfen wir Ferenc Liszt dennoch noch!

Zur Sicherheit: Daniel Barenboim dirigiert die Berliner Symphoniker. Klicken, Augen schließen, genießen, Les Préludes 


Bildquelle: Etsy

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